Stundenuhr des Leidens


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Stunde von 5 bis 6 Uhr

Jesus im Kerker


Jesus, nach kurzem Schlummer bin ich wach geworden und finde dich nicht. Mein Herz pocht stark, seine Liebe schmachtet nach dir. Sag mir, wo bist du? Mein Engel, bring mich in das Haus des Kaiphas. Ich suche und suche, forsche überall nach und finde Jesus nicht. Meine Liebe, schnell, zieh mich an dich heran, damit ich den Flug zu dir nehme und in deine Arme flüchte. ... Jesus, nun haben sie dich im Kerker eingeschlossen. Während mein Herz frohlockt, weil es dich gefunden hat, wird es verwundet von Schmerz, wenn es sieht, in welchen Zustand sie dich versetzt haben.  Deine Hände, auf den Rücken gebunden, sind auch noch an eine Säule gefesselt, gefesselt auch die Füße. Dein Antlitz ist zerschlagen, geschwollen, blutend von den Faustschlägen, die man dir gegeben hat. Deine Augen haben ihren Glanz verloren. Dein Blick ist müde und traurig, deine Haare sind zerrauft. Wie ist deine ganze Person zerschunden! Und du kannst dir gar nicht helfen, weil du gefesselt bist. Ich breche in Tränen aus, umfasse deine Füße und spreche voll Mitleid: „Wie bist du zugerichtet, mein Jesus!"

Du gibst mir zur Antwort: „Komm, meine Seele, achte auf alles, was du mich tun siehst, dass du es auch tuest mit mir und mein Leben in mir fortsetzen könnest."

Ich sehe mit Staunen, dass du, statt dich mit deinen eigenen Leiden zu beschäftigen, mit unbeschreiblicher Liebe nur an die Verherrlichung des Vaters denkst, um ihm Ersatz zu leisten für all das, was wir ihm schulden. Du rufst alle Seelen zu dir, um ihre Übel auf dich zu nehmen und ihnen alle deine Güter zu schenken. Da es schon zu tagen beginnt, scheint es mit, als spräche deine süße Stimme:

„Heiliger Vater! Ich sage dir Dank für alles, was ich schon gelitten habe und was mir noch zu leiden übrig bleibt. Wie die Morgenröte den Tag ruft und den Aufgang der Sonne ankündigt, so leuchte auch die Morgenröte der Gnade in allen Herzen auf. Wenn es dann Tag wird, will ich, die Sonne der Gerechtigkeit, in ihnen aufgehen und über alle die Herrschaft führen. Siehe Vater, diese Seelen! Für alle ihre Gedanken, Worte, Werke und Unterlassungen stehe ich ein auf Kosten meines Blutes und Lebens."

Jesus, Liebe ohne Ende! Ich vereinige mich mit dir und danke dir für alles, was du mich hast leiden lassen und was du mir noch zu leiden geben wirst. Auch ich bitte dich, lass in allen Herzen die Morgenröte der Gnade aufleuchten.

Ich sehe, wie du Ersatz leistest für die Gedanken, Neigungen, Regungen und Worte, die bei Beginn des Tages nicht zu deiner Ehre aufgeopfert werden. Du rufst die Gedanken, Worte und Neigungen der Geschöpfe zu dir, weil sie dir gebühren, und machst sie vollkommen durch die gute Meinung, um dem Vater die schuldige Ehre zu geben.

Jesus, göttlicher Meister! Da wir in diesem Kerker[1] eine Stunde allein sind, so nähere ich mich deinem heiligen Haupte, um dir die Haare zu ordnen. Damit will ich für so viele verwirrte Geister sühnen, die, ganz ins Irdische versunken, keinen Gedanken für dich übrig haben. Indem ich mich in deinen Geist versenke, will ich alle deine Gedanken anbeten, um durch sie gebührende Sühne leisten zu können für alle bösen Gedanken und für so viele unbeachtete und zurückgewiesene Erleuchtungen und Einspre-chungen. Alle Gedanken der Menschenkinder möchte ich eins mit den deinigen machen, um dir die wahre Genugtuung und vollkommene Verherrlichung darbringen zu können.

Mein betrübter Jesus! Ich küsse deine traurigen Augen, deren Tränen du nicht trocknen, und dein Angesicht, das du nicht von der Besudelung der Ruchlosen reinigen kannst, weil du an die Säule gebunden bist. Da deine Haltung durch die Fesselung [2] so überaus qualvoll für dich ist, kannst du nicht deine müden Augen schließen, um ein wenig Ruhe zu finden. O meine Liebe, wie gern möchte ich dich in meine Arme schließen, um dir Ruhe zu geben! Ich will auch deine Tränen trocknen, dich um Verzeihung bitten und gut machen, was wir gefehlt haben, wenn wir bei unseren Handlungen nicht die Absicht hatten, dir zu gefallen; wenn wir nicht auf dich schauen, um zu erfahren, was du von uns wolltest, was wir tun und wohin wir unsere Schritte lenken sollten. Alle meine Blicke und die aller Menschen möchte ich mit den deinigen vereinen, um dadurch für alle Sünden zu sühnen, die wir durch Augenlust begangen haben.

Mein gütigster Jesus! Ich gedenke der Schmähungen, die deine Ohren die ganze Nacht hindurch vernehmen mussten, und aller Sünden, die durch Anhören böser Reden begangen werden. Ich bitte um Verzeihung und möchte Sühne leisten, weil wir taub waren für deine Stimme, wenn du uns gerufen hast, oder uns stellten, als hätten wir sie nicht vernommen. Ich möchte beständige und vollkommene Sühne leisten, das Gehör aller Menschen mit dem deinen vereinigen, dass fernerhin alle ausnahmslos deine göttlichen Worte vernehmen und sie zur Ausführung bringen.

Mein liebevollster Jesus! Ich bete dein heiligstes Angesicht an, das ganz entstellt ist von den Backenstreichen. Ich bitte um Verzeihung für alles, was wir fehlten, wenn du uns zur Sühne aufriefst und wir deiner Stimme nicht folgten und uns abwandten. Mein Jesus! Ich möchte mein Antlitz in dem deinigen verbergen, um dir deine natürliche Schönheit zurückzugeben und zu sühnen für alle Verachtung, die deine Feinde sich gegenüber deiner göttlichen Majestät zuschulden kommen ließen.

Mein leidvollster Jesus! Wie ist dein Mund zerschlagen von den Fäusten der Henkersknechte! Ich möchte alle bösen Reden der Menschen sühnen. Ich möchte die Stimmen aller Menschen mit der deinigen vereinen, um die sündhaften Reden zum Schweigen zu bringen, und sie verwandeln in Stimmen göttlichen Lobes und göttlicher Liebe.

Mein in Ketten geschlagener Heiland! Ich sehe dich beschwert von Stricken und Tauen, die dir von Hals und Schultern herabhängen, deine Arme belasten und dich an die Säule fesseln; deine Hände geschwollen, schwarz und blau vom straffen Anziehen der Fesseln. Die Säule ist sogar mit Blut benetzt. Gestatte doch, mein Jesus, dass ich dich losmache. Willst du aber angebunden sein, dann binde ich dich mit den Ketten der Liebe, da sie wohltuend sind und dir deine Pein versüßen, anstatt dich leiden zu lassen. Während ich dich losmache, möchte ich mich mit dir vereinigen, um für jede sündhafte Anhänglichkeit Genugtuung zu leisten und allen Menschen die Ketten der Liebe anzulegen.

Wir werden dann die Herzen aller Menschen mit dem Feuer erfüllen, das so mächtig in deinem Inneren glüht, dass du es kaum zurückhalten kannst; werden alle Herzenskälte, alle unerlaubten Vergnügungen und die Liebe zur Bequemlichkeit sühnen, um allen den Geist des Opfers und der Liebe zum Leiden einzuflößen. Ich möchte mich auch in deine Hände ergießen und Sühne leisten für meine und aller Menschen bösen Werke, auch für das Gute, das schlecht und mit Selbstüberhebung verrichtet worden ist. Ich möchte alle Menschen mit dem Wohlgeruch deiner heiligen Werke beglücken.  Ich möchte außerdem mit deinen Füßen wandeln, um für alle bösen Schritte zu sühnen, möchte alle Schritte und Tritte der Menschenkinder in den deinigen verschließen, damit sie den Weg der Heiligkeit betreten.

Mein süßes Leben, gestatte, dass ich mich gänzlich in dein Herz versenke. Ich verschließe darin die Neigungen, Begierden und Wünsche aller Menschen, um sie zu heiligen und Sühne zu leisten für alles, was sie mit ihnen gefehlt haben. Verleihe allen deine Neigungen, deine Wünsche, deine heiligen Begierden, dass dich keiner mehr beleidige.

Nun vernehme ich ein Geklirr von Schlüsseln. Es sind deine Feinde, die dich wieder abführen wollen. Jesus, ich erbebe, mein Blut erstarrt zu Eis. Bald bist du abermals in ihren Händen. Was wird mit dir geschehen?

Es kommt mir vor, als vernähme ich das Klirren von Tabernakelschlüsseln. Unwürdige Hände kommen, die Tabernakel zu öffnen und dich vielleicht in gottesräuberische Herzen hinabsteigen zu lassen. Wie oft trägt man dich in Prozessionen oder als Wegzehrung hinaus auf die Straßen, und du begegnest feindseligen Menschen, die dich missachten und schmähen.

Mein Jesus, Gefangener der Liebe! In möchte in allen Gefängnissen sein, wo du aus Liebe eingeschlossen bist, um zuschauen zu können, wenn deine Diener dir die Freiheit geben. [3] Ich möchte dir stets Gesellschaft leisten und die Beleidigungen sühnen, die du im Sakrament der Liebe erfährst.

Jesus, deine Feinde sind nahe. Du begrüßt die Sonne am letzten Tag deines irdischen Lebens. Sie binden dich los. Während du sie mit Blicken der Liebe anschaust, sehen sie, dass du ganz Majestät bist. Trotzdem schlagen sie dir aufs neue ins Angesicht, dass es sich rötet mit deinem kostbaren Blut.

Meine Liebe! Bevor du den Kerker verlässt, bitte ich dich in meinem Schmerz, mich zu segnen, damit ich Kraft empfange, dir im weiteren Verlauf deiner Passion folgen zu können.

 

Erwägungen und praktische Übungen.

Jesus im Kerker sucht unsere Seele, dass sie ihm Gesellschaft leiste. Ist es uns eine Freude, allein mit Jesus zu sein, oder suchen wir die Gesellschaft der Menschen? Sollte nicht jeder Atemzug, jeder Pulsschlag Jesus allein gehören?

Um uns sich ähnlich zu machen, legt uns Jesus gleichsam Fesseln an durch Geistesdürre, Bedrückungen, Schmerzen und jede Art , von Abtötungen. Lassen wir uns aber auch gern von Jesus fesseln und im Kerker seiner Liebe verschließen, d.h. in die Dunkelheit des Geistes und die Bedrückungen des Herzens versetzen? Jesus ist im Kerker. Fühlen wir in uns die Kraft, uns aus Liebe zu Jesus in ihm einkerkern zu lassen?

Jesus seufzte in seiner Betrübnis nach unserer Seele, um losgebunden oder wenigstens in seiner schmerzlichen Stellung gestützt zu werden. Empfinden auch wir das Bedürfnis, dass Jesus komme und uns Gesellschaft leiste, uns von den Ketten der Leidenschaft befreie und mit den Ketten der Liebe an sein Herz fessle? Umgeben wir den leidenden Jesus mit der Gefolgschaft unserer Leiden, um den Schmutz und Kot fernzuhalten, den ihm die Ruchlosen ins Antlitz schleudern? Jesus betet im Kerker. Ist auch unser Gebet beharrlich?

Mein gefesselter Jesus! Du hast dich aus Liebe zu mir in den Kerker werfen lassen. So nimm auch den Geist, die Zunge, das Herz, mich ganz und gar in Verwahr, dass ich keine Freiheit mehr habe und du unumschränkte Herrschaft über mich ausübest.