Stundenuhr des Leidens


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Stunde von 10 bis 11 Uhr

Jesus nimmt das Kreuz auf die Schulter.
Gang auf den Kalvarienberg.
Jesus fällt unter dem Kreuz und wird seiner Kleider beraubt


Mein Jesus, unendliche Liebe! Ich sehe, dass du dir keine Ruhe gönnst, und empfinde dein Liebessehnen und deine Schmerzen. Dein Herz pocht stark, und bei jedem Schlag nehme ich seine Leiden, die Heftigkeit und Ausbrüche seiner Liebe wahr. Da du das Feuer, das dich verzehrt, nicht zurückhalten kannst, wird es zur Pein für dich. Du seufzt, und bei jedem Seufzer höre ich das Wort „Kreuz" über die Lippen kommen. Und „Kreuz“ wiederholt jeder Tropfen deines Blutes, „Kreuz“ sprechen alle deine Leiden aus, in die du wie in ein uferloses Meer versenkt bist. Nun rufst du aus: „0 geliebtes und ersehntes Kreuz, du allein wirst meine Kinder retten, in dir vereinige ich alle meine Liebe“.

 

Jesus wird mit Dornen ein zweites Mal gekrönt

Indessen lassen dich deine Peiniger in das Gerichtshaus zurückkehren und nehmen dir den Purpurmantel ab, um dir wieder deine Kleider anzulegen. Aber welch ein Schmerz! Das Sterben wäre mir süßer, als dich so entsetzlich leiden zu sehen. Der Mantel verfängt sich in der Dornenkrone und bleibt haften. Mit unerhörter Grausamkeit reißen sie dir jetzt mit dem Mantel auch die Krone herunter. Bei diesem grausamen Vorgehen zersplittern viele Dornen und bleiben im Haupt zurück. Das Blut rieselt herab, und dein Schmerz ist so heftig, dass du seufzt. Jedoch die Schergen kümmern sich nicht um deine Qualen. Sie legen dir deine Kleider an, setzen dir aufs neue die Krone aufs Haupt und drücken sie so fest ein, dass die Dornen dir wieder in die Augen und in die Ohren dringen. Keine Stelle deines Hauptes, die nicht die Stiche der Dornen spürte. Unter diesen mitleidlosen Händen wankst und erzitterst du vom Kopf bis zu den Füßen, ja, deine Qualen bringen dich dem Tod nahe. Mit trübem Blick deiner bluterflüllten Augen schaust du mich an und bittest um Beistand in diesem schweren Leid.

Mein Jesus, König der Schmerzen! [1] Gestatte, dass ich dich aufrecht halte und an meinem Herzen ruhen lasse. Wie gerne möchte ich das Feuer der Liebe, das dich verzehrt, dir rauben, um deine Feinde in Asche zu legen und dich in Freiheit zu setzen. Allein du willst nicht, weil deine Sehnsucht nach dem Kreuz immer glühender wird und du dich auf ihm unverzüglich opfern willst, sogar für deine Peiniger. Während du nun an meinem Herzen ruhst, sprichst du zu mir:

„Mein Kind, lass meine Liebe ausströmen und sühne mit mir für jene, die das Gute tun, mich aber entehren. Die Juden legen mir wieder meine Kleider an, nur um mich noch mehr beim Volk in Verruf zu bringen und es zu überzeugen, dass ich wahrhaft ein Missetäter sei. Scheinbar war diese Bekleidung eine gute Handlung, aber der Absicht nach und in sich selbst war sie böse. O wie viele verrichten gute Handlungen, spenden oder empfangen die heiligen Sakramente, aber in menschlicher, mitunter sogar böser Absicht. Das Gute jedoch, das man in böser Absicht tut, führt zur Herzenshärte. So will ich ein zweites Mal gekrönt sein unter noch heftigeren Schmerzen als bei ersten Mal, [2] um die Herzenshärte der Menschen zu erweichen und sie mit meinen Dornen an mich heranzuziehen. Meine Tochter! Diese zweite Krönung ist mir weit schmerzvoller. Es kommt mir vor, als wäre mein Haupt in Dornen vergraben. Bei jeder Bewegung, die ich mache, und bei jedem Stoß, den sie mir geben, habe ich grausame Todesqualen zu erdulden. Damit will ich die Bosheit sühnen, die in jeder Beleidigung Gottes liegt; sühnen für jene, die, mag ihr Seelenzustand sein wie immer, statt an ihre Heiligung zu denken, nur in Zerstreuungen leben, meine Gnaden zurückweisen und mich so noch grausamere Dornen empfinden lassen. Mir bleibt nichts übrig, als zu seufzen, Blutstränen zu vergießen und ihre Rettung zu ersehnen.

Ach, ich tue alles, die Menschen zu lieben, und sie tun alles, mich zu beleidigen. Lass wenigstens du mich nicht allein in meinen Leiden und meinen Sühneleistungen.“

 

Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Mein misshandelter Jesus! Ich sühne mit dir, ich leide mit dir. Jetzt sehe ich, dass deine Feinde dich die Treppe hinunter stoßen, wo das Volk mit Wut und Gier auf dich wartet. Schon bringen die Schergen das Kreuz, nach dem du so sehnsüchtig Umschau hältst und das du mit Liebe betrachtest. Entschlossenen Schrittes näherst du dich ihm, umarmst und küsst es. Deine ganze Menschheit erschaudert vor Freude. Immer wieder schaust du es an und ermisst seine Länge und Breite. An ihm bestimmst du schon den Anteil, den du allen Menschen zugedacht hast, einen Anteil, der genügt, sie durch das Band mystischer Vermählung an die Gottheit zu fesseln und zu Erben des Himmelreichs einzusetzen. Jetzt kannst du deine Liebe, mit der du die Seelen liebst, nicht mehr in Schranken halten. Darum küsst du aufs neue das Kreuz, wobei du sprichst:

„Ersehntes Kreuz! Endlich kann ich dich umarmen. Du bist das Verlangen meines Herzens, das Martyrium meiner Liebe. Lange hast du gewartet, während ich meine Schritte stets zu dir lenkte. Heiliges Kreuz! Du bist das Ziel meiner Wünsche, der Abschluss meiner Laufbahn hinieden. In dich lege ich mein ganzes Wesen hinein, in dich alle meine Kinder. Du wirst ihr Leben, ihr Licht, ihre Verteidigung, ihr Schutz, ihre Kraft, ihnen in allem eine Stütze sein und sie triumphierend in den Himmel führen. O Kreuz, Lehrstuhl der Weisheit! Du allein wirst die wahre Heiligkeit lehren, du allein die Tugendhelden, die Märtyrer, die Heiligen bilden. Schönes Kreuz, du bist mein Thron! Da ich von der Erde scheiden muss, bleibst du an meiner statt zurück. Dir gebe ich zum Erbe alle Seelen. Bewahre sie mir, rette sie mir, dir vertraue ich sie an.“

Während du so sprichst, mein Jesus, lässt du dir das Kreuz auf die Schultern legen. Es ist für deine Liebe noch zu leicht, aber zu seinem Gewicht gesellt sich noch das unserer riesengroßen Sündenschuld, so weit und breit der Himmel reicht. Du, mein unter ihrer Last gebeugtes Gut, fühlst dich abgestoßen von so vielen Vergehen. Die Seele erschaudert bei ihrem Anblick, weil du ja die Strafe für jede einzelne Schuld der Sünde zu tragen hast. Deine Heiligkeit fühlt sich abgestoßen von ihrer Hässlichkeit. Deswegen wankst du, da du das Kreuz auf die Schultern nimmst, gerätst in Betrübnis, und von deinem Leib rinnt Todesschweiß.

Ach, meine Liebe! Ich kann es nicht über mich bringen, dich allein zu lassen. Darum will ich die Last des Kreuzes mit dir teilen. Um dir die Last der Sündenschuld zu erleichtern, umklammere ich deine Füße. Im Namen aller Menschen möchte ich dir Liebe schenken für jeden, der dich nicht liebt, Huldigungen für den, der dich missachtet, Lobpreisungen, Danksagungen und Gehorsam für alle. Ich bekenne feierlich, dass ich bei jeder Beleidigung, die du erfährst, die Absicht habe, mich ganz und gar dir zum Opfer zu bringen, um dir Sühne zu leisten, einen den Beleidigungen entgegen gesetzten Tugendakt zu verrichten und dich zu trösten mit meinen fortgesetzten Akten der Liebe.

Da ich aber einsehe, dass ich zu armselig bin, bedarf ich deiner, um dir wahre Sühne darbieten zu können. Darum vereinige ich mich mit deiner Menschheit, meine Gedanken mit den deinigen, um für meine bösen Gedanken und die aller Menschen genugzutun. Ich vereinige meine Augen mit den deinigen, um die bösen Blicke zu sühnen, meinen Mund mit dem deinen, um die Gotteslästerungen und die schlüpfrigen Unterhaltungen zu sühnen, mein Herz mit dem deinen, um für alle bösen Absichten, Begierden und Neigungen Genugtuung zu leisten. Mit einem Wort: Ich will für all das sühnen, wofür deine heiligste Menschheit sühnt, in Vereinigung mit deiner maßlosen Liebe, die du allen Menschenkindern entgegenbringst, und all dem Guten, das du ihnen in unbeschränktem Maß erweist.

Ich will mich aber auch mit deiner Gottheit vereinigen, dieses mein Nichts in ihren Abgrund versenken und so alles dir geben. Ich schenke dir deine Liebe, um deine Bitterkeiten zu versüßen, schenke dir dein Herz, um dich schadlos zu halten für die Kälte, Undankbarkeit und geringe Liebe seitens der Menschen, wie auch dafür, dass sie deinen Einsprechungen nicht folgen. Ich schenke dir die ewigen Harmonien, die in deiner Gottheit liegen, um dir wohlzutun dafür, dass du Flüche und Verwünschungen anhören musst, von denen die Luft erzittert. Ich schenke dir deine Schönheit, um deinen Blick abzulenken von der Hässlichkeit unserer Seelen, wenn sie durch Sündenschuld besudelt sind, deine Reinheit als Ersatz für den Mangel an guter Meinung, für den Schmutz und die Fäulnis, die du in so vielen Seelen siehst. Ich gebe dir auch deine Unermesslichkeit zum Geschenk, um dir Trost zu bereiten für den Unverstand, dass die Seelen sich freiwillig einengen, um dir keinen Raum zu gewähren. Ich mache dir die Glut deines Herzens zum Geschenk, um damit alle Sünden zu verzehren und alle Herzen anzuzünden, dass alle dich lieben und niemand mehr dich beleidige. Kurz gesagt: Ich schenke dir alles, was du bist, um dir unendliche Genugtuung und ewige, unermessliche, unendliche Liebe darzubieten.

Mein geduldigster Jesus! Ich sehe dich die ersten Schritte unter der ungeheuren Last des Kreuzes tun. Ich vereinige meine Schritte mit den deinigen. Wenn du, schwach und erschöpft, im Begriff bist zu fallen, dann werde ich an deiner Seite stehen, dich aufrichten und meine Schultern unter das Kreuz stemmen, um mit dir seine Last zu teilen. O verschmähe mich nicht, nimm mich an als treue Gefährtin!  Jesus, du schaust mich an, und ich nehme wahr, dass du sühnst für jene, die nicht mit Ergebung, sondern mit Verwünschungen und Zornausbrüchen ihr Kreuz tragen, sich das Leben nehmen oder andere ermorden.

 

Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Und du flehst für alle um Liebe und Ergebung zu dem Kreuz, das auf ihnen lastet. Deine Schmerzen sind so groß, dass du dich unter der Last des Kreuzes wie zermalmt fühlst. Kaum hast du die ersten Schritte getan, fällst du zu Boden und stößt dich an den Steinen. Die Dornen bohren sich noch tiefer in dein Haupt, alle deine Wunden werden aufgerissen und bluten von neuem. Da du keine Kraft hast, dich zu erheben, bemühen sich die erbitterten Schergen, dich mit Fußtritten und Stößen auf die Beine zu stellen. Meine am Boden liegende Liebe! Lass mich dir behilflich sein, dich aufzurichten, dass ich dir das Blut abtrockne und mit dir sühne für jene, die aus Unwissenheit, Gebrechlichkeit und Schwachheit sündigen. Ich bitte dich, verleihe diesen Seelen den Beistand deiner Gnade, dass sie sich von ihrem Fall erheben.

 

Jesus begegnet seiner Mutter

Mein Jesus, nun ist es den Schergen gelungen, dich auf die Füße zu stellen. Während du wankend weitergehst, nehme ich deinen keuchenden Atem wahr. Dein Herz pocht heftig, und neue Schmerzen durchbohren es. Du bewegst dein Haupt, um deine Augen von dem Blut zu befreien, mit dem sie gefüllt sind, und schaust voll Angst umher. Oh, ich habe alles begriffen. Deine Mutter, die sich wie ein klagendes Täublein auf die Suche nach dir begeben hat, möchte dir noch ein letztes Wort sagen, deinen letzten Blick entgegennehmen. Und du empfindest ihr Leid, fühlst ihr von Schmerz zerrissenes Herz in dem deinen, das getroffen und verwundet ist von ihrer und von deiner Liebe. Schon siehst du, wie sie sich einen Weg durch die Menge bahnt, um dich um jeden Preis zu sehen, dich zu umarmen und dir den letzten Abschiedsgruß zu geben. Jedoch der Schmerz bannt deine Schritte, als du sie erblickst, totenbleich, alle deine Leiden durch die Gewalt der Liebe in ihr nachgebildet. Bleibt sie trotzdem am Leben, ist das ein Wunder deiner Allmacht. Du gehst ihr entgegen, aber es ist euch kaum gestattet, Blicke zu wechseln. O Herz zerreißender Schmerz! Die Soldaten merken eure Absicht. Mit Stoßen und Drängen verhindern sie, dass Mutter und Sohn sich zum Abschied begegnen.

 

Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Die beiderseitige Betrübnis über diese Herzlosigkeit ist so groß, dass deine Mutter wie versteinert ist und der Wucht ihres Schmerzes zu erliegen droht. Jedoch der treue Jünger Johannes und fromme Frauen stehen ihr bei, während du abermals unter dem Kreuze fällst. Dann tut deine schmerzhafte Mutter im Geiste das, was sie in Wirklichkeit nicht tun kann, weil sie daran gehindert wird. Sie macht das Wollen des Ewigen zu dem ihrigen, nimmt an allen deinen Leiden teil und erfüllt alle Pflichten einer Mutter. Sie liebkost dich, stärkt dich, sucht deine Schmerzen zu lindern und gießt in deine Wunden den Balsam ihrer schmerzvollen Liebe.

Ich vereinige mich mit deiner betrübten Mutter, mache mir alle deine Leiden zu eigen, will bei jedem Blutstropfen, den du vergießt, bei jeder Wunde, die dich schmerzt, Mutterstelle an dir vertreten. Im Verein mit dir und deiner Mutter will ich sühnen für alle sündhaften Zusammenkünfte und auch für jene Menschen, die sich den Gelegenheiten zu sündigen nicht entziehen oder, wenn sie ihnen nicht ausweichen können, den Lockungen der Sünde erliegen.

Zum zweiten Mal unter dem Kreuz zu Fall gekommen, brichst du in Seufzer aus. Obwohl die Soldaten fürchten, dass du sterben könntest unter der Last so vieler Martern und infolge des allzu großen Blutverlusts, gelingt es ihnen doch nach vielen Bemühungen, dich durch Hiebe und Fußtritte wieder auf die Beine zu bringen. So sühnst du die wiederholten Rückfälle in die Sünde, sühnst die schweren Sünden, die von allen Klassen der Menschheit begangen werden, bittest für die hartnäckigen Sünder und weinst Blutstränen, um ihre Bekehrung zu erlangen.

 

Die Schulterwunde Jesu

Meine leidvolle Liebe! Während ich dir in deinen Sühneakten folge, nehme ich wahr, dass du nicht mehr lange unter der schweren Last des Kreuzes standhalten kannst. Schon erzittert deine ganze Gestalt. Die Dornen dringen bei den ständigen Schlägen und Stößen, die man dir gibt, immer tiefer in dein Haupt. Das Kreuz gräbt sich infolge seiner Schwere in die Schulter ein, dass sich eine Wunde bildet so tief, dass die Gebeine bloßliegen, und bei jedem Schritt glaube ich dich eher sterben als weitergehen zu sehen. Allein deine Liebe, die alles vermag, verleiht dir Kraft. Durch deine heilige Schulterwunde sühnst du für die verborgenen Sünden, die, weil man für sie keine Genugtuung leistet, nur die Bitterkeit deiner Qualen vermehren. Mein Jesus, lass doch zu, dass ich meine Schulter unter das Kreuz stemme, um dir Erleichterung zu verschaffen und mit dir für alle geheimen Sünden Genugtuung darzubieten.

 

Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Aus Fürcht, du könntest der Last des Kreuzes erliegen, zwingen die Schergen Simon von Cyrene, dir das Kreuz zu tragen. Nicht gern und nicht aus Liebe, nur durch Gewalt genötigt und murrend hilft er dir. In deinem Herzen vernimmst du das Echo all der Klagen jener, die leiden mit Mangel an Ergebung, mit Zorn, Auflehnung und Missachtung des Leidens. Aber am meisten verwundet dein Herz die Wahrnehmung, dass auch Gott geweihte Seelen, die du als Gefährten und Tröster in deinem Schmerz berufst, von dir fliehen. Wenn du sie durch Leiden an dich heranziehst, entwinden sie sich deinen Armen, suchen irdische Freuden auf und lassen dich allein leiden.

Mein Jesus! Während ich mit dir sühne, bitte ich dich, mich in deine Arme zu schließen, so fest, dass es keines deiner Leiden gibt, an denen nicht auch ich teilnehme, und dass ich durch sie in dich umgestaltet werde, um dir Trost zu bereiten dafür, dass dich so viele Seelen im Stich lassen.

 

Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Mein kummervoller Jesus! Mühsam wankst du dahin, tief gebeugt. Plötzlich sehe ich, dass du stillstehst und um dich schaust. Was ist? Ach, es ist Veronika, die mutig und furchtlos dein blutbedecktes Antlitz abtrocknet, und du drückst es als Zeichen deines Wohlgefallens im Tuch ab. Mein großmütiger Jesus, auch ich will dich abtrocknen, aber nicht mit einem Tuch, sondern mich selbst dir anbieten, dich aufrichten, eintreten in dein Inneres und dir Herzschlag für Herzschlag schenken, Atemzug für Atemzug, Neigung für Neigung, Begierde für Begierde. Ich möchte eingehen in deinen Verstand, alle diese Herzschläge, Atemzüge, Neigungen und Begierden in die Unermesslichkeit deines Willens versenken und diese Akte ins Unendliche vermehren. Ich möchte ein Meer bilden von jedem menschlichen Herzschlag, auf dass keiner mehr ein Echo finde in deinem Herzen, der nicht aus Liebe zu dir erfolgte, und möchte so alle Bitterkeiten deiner inneren Leiden lindern. Ich möchte ein Meer bilden von allen menschlichen Neigungen und Begierden, um alle bösen Neigungen und Begierden fernzuhalten, die auch nur im geringsten dein Herz betrüben könnten. Ich möchte auch ein Meer bilden von jedem menschlichen Atemzug und jedem Gedanken, um jeden Atemzug und jeden Gedanken zu verscheuchen, der dir auch nur im geringsten missfallen könnte.[3] Ich werde gute Wache halten, mein Jesus, dass nichts mehr dich betrübe und zu deinen inneren Leiden nicht noch andere kommen. Mein Jesus, mache doch, dass sich mein ganzes Innere in die Unermesslichkeit deiner göttlichen Wesenheit versenke. So werde ich Liebe und starken Willen genug finden, um es dahin zu bringen, dass keine sündhafte Liebe und kein Wille in mein Inneres eindringe, die dir missfallen könnten.

Mein Jesus, um meiner selbst versichert zu sein, bitte ich dich, mit deinen Gedanken, deinem Willen, deinen Begierden und deinen Neigungen meine Gedanken, meinen Willen, meine Begierden und Neigungen zu besiegeln, auf dass sie auf diese Weise nur von dir belebt seien. Mein Jesus, ich versenke mich in die Unermesslichkeit deines Willens. Indem ich sie mir zu eigen mache, will ich für alle Menschen Genugtuung leisten und alle Seelen in der Allmacht deines Willens verschließen. Jesus, nun ist nur mein Blut noch übrig. Auch das will ich vergießen als Schmerz stillenden Balsam für deine Wunden, dass du zu Kräften kommen und dich von all deinem Leid erholen könnest. Auch möchte ich alle meine Gedanken in das Herz eines jeden Sünders gleiten lassen, um ihn ohne Unterlass zu schelten, wenn er sich erdreistet, dich zu beleidigen. Ferner bitte ich dich mit der Stimme deines Blutes, dass sich alle Seelen der Gewalt meiner armseligen Gebete ergeben möchten. Dann werde ich sie alle zu deinem Herzen bringen können. Noch um eine andere Gnade bitte ich dich, mein Jesus. In allem, was ich sehe, berühre und fühle, lass mich stets dich sehen, dich berühren, dich fühlen. Lass auch dein heiligstes Bild und deinen heiligsten Namen jedem Atom meines armseligen Wesens eingedrückt sein.

Unterdessen schlagen dich deine Feinde wieder, die mit bösen Blicken die rührende Handlung Veronikas betrachtet haben, und treiben dich auf dem Weg voran.

 

Jesus tröstet die weinenden Frauen

Nach einigen Schritten bleibst du abermals stehen. Obwohl deine Leiden schwer auf dir lasten, gibt es für deine Liebe keinen Stillstand. Als du fromme Frauen erblickst, die dich und deine Leiden beweinen, vergisst du dich selbst und tröstest sie mit den Worten:

„Ihr Töchter Jerusalems, weint nicht über mich, sondern weint über euch und eure Kinder!

Welch erhabene Lehre, o mein Jesus, und wie sanft ist dein Wort! Mit dir sühne ich den Mangel an Liebe. Darum bitte ich dich um die Gnade, dass ich mich gänzlich vergesse, um mich an nichts anderes zu erinnern als an dich allein.

 

Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Da deine Feinde dich sprechen hören, geraten sie in Wut. Sie reißen dich an den Stricken hin und her und treiben dich in solcher Eile voran, dass du abermals zu Boden fällst und deine Knie an den Steinen wund schlägst. Das Gewicht des Kreuzes wird dir zur Qual. Es ist, als wärst du dem Tode nahe. Mit deinem Angesicht berührst du die Erde, und dein Mund wird gerötet von Blut. O lass mich doch dich aufrichten und mit meinen eigenen Händen dein Antlitz waschen. Aber deine Feinde wollen dich auf die Füße stellen, ziehen dich an den Stricken und Haaren empor und geben dir Fußtritte, doch vergebens. Welche Qual, mein Jesus, mein Herz bricht vor Schmerz. Nun schleppen dich die Schergen auf den Kalvarienhügel. Auf dem Weg dorthin sühnst du für die Sünden der dir geweihten Seelen. Sie lasten schwer auf dir. Wie sehr du dich auch bemühst, aufrecht zu gehen, gelingt es dir nicht. Mit Fußtritten bedacht und fortgeschleift, kommst du endlich auf Kaivaria an, überall Spuren deines kostbaren Blutes zurücklassend.

 

Jesus wird seiner Kleider beraubt und mit Dornen zum dritten Mal gekrönt

Dort erwarten dich neue Peinen. Die Soldaten ziehen dich abermals aus, reißen dir die Kleider vom Leib und die Krone vom Haupt. Ach, du seufzt bei dieser rohen Behandlung. Denn mit der Krone reißen sie dir auch die Dornen aus und mit deinen Kleidern Stücke deines wunden Fleisches weg, das angeklebt war. Die Wunden brechen wieder auf, das Blut rieselt auf die Erde, und deine Qualen sind so groß, dass du mehr tot als lebendig erscheinst.

Aber niemand wird zum Mitleid bewegt, mein höchstes Gut! Im Gegenteil, mit tierischer Wut setzen sie dir aufs neue die Krone aufs Haupt und drücken sie mit Schlägen ein. Die Qualen, die du empfindest, sind so entsetzlich, dass nur die Engel zu sagen vermöchten, was du leidest. Erschaudernd wenden sie ihre Blicke von dir ab, „die Engel des Friedens weinen (Ps 33,7).

Mein der Kleider beraubter Jesus! Lass mich dich erwärmen, denn ich sehe, dass du zitterst und kalter Schweiß deinen Leib bedeckt. Wie gerne würde ich mein Leben und mein Blut hingeben, das deine zu ersetzen, das du ja vergossen hast, um uns allen das Leben zu geben.

Nun schaust du mich mit trüben, halb erloschenen Augen an. Mir ist, als sprächst du zu mir:

„Mein Kind, wie viel kosten mich die Seelen! Hier ist der Ort, wo ich alle erwarte, um sie zu retten; wo ich die Sünden jener sühnen will, die sich unter das Tier erniedrigen und so hartnäckig ihren Sünden ergeben sind, dass sie nicht mehr leben können, wenn sie mich nicht beleidigen. Ihre Vernunft ist verblendet, und sie sündigen wie Wahnsinnige. Wenn sie mir die Kleider vom Leib reißen, sühne ich für jene, die Prunkgewänder und schamlose Kleider tragen, sühne die Sünden gegen die Züchtigkeit und für jene, die so an Reichtum, Ehre und Lustbarkeiten hängen, dass sie aus ihnen den Gott ihres Herzens machen.

O gewiss, ein jedes dieser Vergehen lässt mich den Tod empfinden. Wenn ich nicht sterbe, geschieht es deswegen, weil das Wollen des ewigen Vaters den Augenblick meines Todes für jetzt noch nicht festgelegt hat.“

Mein entblößter Jesus, während ich mit dir Sühne leiste, bitte ich dich, mich von allen irdischen Neigungen zu entblößen und nicht zuzulassen, dass eine einzige sündhafte Neigung in mein Herz eindringe. Wache über ihm, umgib es mit deinen Leiden wie mit einem Zaun und erfülle es mit deiner Liebe. Mein Leben sei nichts anderes als die Wiederholung deines Lebens. So bekräftige mit deinem Segen meine Entäußerung, segne mich von ganzem Herzen und gib mir die Kraft, deiner schmerzvollen Kreuzigung beiwohnen zu können, um mit dir stets ans Kreuz geheftet zu sein.

 

Erwägungen und praktische Übungen

Kreuz zu sterben, um Seelen zu erlösen, ist unermesslich.  Lieben auch wir das Leiden nach dem Beispiel Jesu? Können wir sagen, dass unsere Neigungen das Echo seiner göttlichen Neigungen sind, und dass wir nach unserem Kreuz verlangen?
                      
Wenn wir leiden, hegen wir dann die Absicht, Gefährten Jesu zu sein, um ihm die schwere Last seines Kreuzes zu erleichtern? Wenn er mit Beschimpfungen überhäuft wird, sind wir dann bereit, ihm unsere geringen Leiden als Erquickung in seiner Pein darzubieten?

Wenn wir arbeiten, wenn wir beten und wenn wir, gedrückt von innerem Leiden, Widerstreben gegen sie empfinden, lassen wir sofort unsere Leiden den Flug zu Jesus nehmen, dass wir wie Veronika mit ihrem Schleier ihm den Schweiß vom Antlitz trocknen, ihn erquicken und seine Beschwerden zu den unsrigen machen?

Mein Jesus, rufe mich stets in deine Nähe und bleibe immer bei mir, auf dass ich dir immer mit meinem Leiden Trost bereiten könne.